2chance

2. Chance? – ureigene Gedanken aus dem Knast

Entstanden ist dieser Text während meiner Inhaftierung in der JVA Stadelheim im Zuge der Teilnahme am Leonhard-Programm.

Die Frage nach der zweiten Chance ist in der Woche nach den Anschlägen auf die öffentliche Sicherheit in München, Bagdad, Würzburg und Ansbach für viele Menschen vermutlich noch schwieriger zu beantworten, als sie das ohnehin schon ist. Quetscht man diese Frage jetzt in die Zellen einer Gruppe Knastis, die, fragerelevant, allesamt unter der Abteilung für Sexualstraftäter liegen, explodiert sie zu einem emotionalen Feuerwerk des Abkotzens.

Auch wenn abkotzen ebenso wenig guter Berater ist wie Hass, schlichter Hass, so ist es doch zumindest nachvollziehbar: Man hungert gemeinhin nach einfachen Lösungen – und nach dem Abreisen des Ventildeckels vom eigenen Töpfchen voller angestauter, geschürter Vorbehalte.

Und bei der Chancenfrage gibt es eine banale Lösung, Wecker hat’s mal vorgesungen: „Eier ab, Rübe ab, alles ab – ab – ab!“ Also ein lautes, rotköpfiges „Nein – NATÜRLICH NEIN“ zur zweiten Chance ist kopf-ab-einfach.

So stellte ich mir gestern – ganz innig – die Frage, warum gerade ich, uneingeschränkt und mindestens ebenso emotional, unabdingbar „JA, zweite Chance klar, immer“ sage, meine und dafür stehe.

Ich, der im Wortsinn haufenweise Kleinkinderköpfe, massenhaft abgehackt in den Dörfern der nordwestlichen Zentralafrikanischen Republik hat liegen sehen. Und den Mob lachender Konisöldner – glücklich über ihr Werk pure Angs dagelassen zu haben, wohin sie tagsdrauf zurückkehren, um den am Leben gelassenen Vätern ihr letztes Hemd abzunehmen.

Ich, der in den Notlagern Haitis, nach dem großen Erdbeben im Januar 2010, mit Frauen gesprochen hat, die glasklar faktisch davon berichtet haben, wie sie tagtäglich von bis zu 100 Männern zu tote vergewaltigt werden. Oftmals waren ihre eignen Brüder unter diesen Männern.

Ich, der die Bilder noch ganz nah bei sich hat, von dem was Assads Fassbomben anrichten, die in Syrien auf Wohnviertel, Schulen und Krankenhäuser geworfen werden und die mittlerweile fast Zweihunderttausend Menschen getötet haben.

Ich, der gerochen hat – noch keine zwei Jahre her – wie in Bangui Christen ganze muslimische Stadtviertel niederbrannten und die Muslime, die noch gestern ihre Nachbarn waren, dabei mit deutschen G36-Gewehren im Anschlag zwangen, in ihren brennenden Häusern zu bleiben.

Ich, der selbst womöglich keine zweite Chance verdient hat, weil ich mir selbst stets wichtiger gewesen bin, als mir das meine Familie war.

Ich, der wie wir alle, seit fast einem Jahr unter einem Dach mit Pädophilen lebt und jeden Tag, NTV-like, an muslimischem Hass Teil hat.

Vermutlich fehlt mir ein einfaches Argument für mein JA zur zweiten Chance. Eben weil dieses JA bedingungslos ist.

Nur wo kommt es her?

Ganz sicher daher, weil ich der festen Überzeugung bin, dass Hass, Gewalt, sexuelles Begehren das jedwede Verantwortung vergessen macht und völkisches Machtstreben stets Ursachen haben. Und Ursachen sind wandelbar – in Chancen. Nur fehlt eben meist der Wille zum Angebot.

Die gesellschaftlichen Gegenentwürfe zur zweiten Chance sind Todesstrafe, Entledigung oder Endlösung. Verfolgen wir diese Gegenentwürfe konsequent, erschlagen auch wir demnächst 15 jährige Fremdaussehende, die mit roten Rucksäcken über den Stachus laufen. – Und fühlen uns gut dabei, weil wir uns auf der Seite der Guten sehen; weil wir uns vermeintlich schützen, ohne dieses Uns überhaupt verstanden zu haben.

Wenn wir einem Gegenentwurf zur zweiten Chance folgen, folgen wir dem radikalen Selbstverständnis, das auch den IS-Verbohrten treibt, die NSU getrieben hat und der AFD ein zweistelliges Bundestagswahlergebnis bescheren wird.

Damit wird die zweite Chance alternativlos, auch wenn sie womöglich ein paar ganz wenige nicht verdient haben, Abermillionen sie nie bekommen werden und ein ganzer Arschvoll sie niemals nutzen wird. Wer weiß, eventuell gehöre ich auch dazu.

(Jürgen am 27.07.2016)

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