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Kriminelle Senioren: Resozialisierung mit 75?

Viele Menschen sind im Alter noch aktiv, manche Straftäter ebenso. Ist die Justiz richtig aufgestellt? Geld- und Haftstrafen sind nach Ansicht von Experten in vielen Fällen jedenfalls nicht angemessen. (Von Bernhard Sprengel, dpa)

Vor dem Amtsgericht Hamburg steht ein 75-Jähriger und weiß nicht genau warum. Der Elblotse soll ein Binnenschiff gegen eine wichtige Autobahnbrücke gesteuert und einen Millionenschaden verursacht haben. Doch er kann sich an den Vorfall knapp ein Jahr zuvor kaum erinnern. Der Richter fragt den Angeklagten nach seinem Alter. Der Mann muss passen. «Ich weiß nicht, welches Jahr wir haben», sagt er schließlich. Auch auf die Frage, seit wann er verheiratet ist, kann er nicht antworten. «Es ist gut, dass Ihre Frau das nicht hört», sagt der Richter noch humorvoll. Doch als der Angeklagte auch die Namen seiner beiden Enkelkinder nicht nennen kann, unterbricht der Richter das Verfahren. Ein Gutachter erklärt den 75-Jährigen später für verhandlungsunfähig.

Der Prozess Ende 2015 ist ungewöhnlich, doch die Justiz in Deutschland hat es zunehmend mit alten Menschen zu tun, die Straftaten begangen haben, wie der Kölner Strafrechts-Professor Michael Kubiciel sagt. Es ist die Folge des demografischen Wandels. Mehr Menschen werden älter und sind körperlich noch in der Lage, Straftaten zu begehen. Zwar sind nur etwa sieben Prozent der von der Polizei ermittelten Tatverdächtigen 60 Jahre oder älter, erklärt der Kriminologe Thomas Görgen von der Hochschule der Polizei in Münster. Aber der Anteil der Älteren an der Gesamtbevölkerung wächst und damit die absolute Zahl der älteren Straftäter.

Es sind allerdings selten Gewaltverbrechen, die von Senioren verübt werden. Eher Ladendiebstähle, Verkehrsdelikte wie Trunkenheit am Steuer oder Steuer- und Wirtschaftsstraftaten. Das Klischee vom armen Rentner, der seine Not auf kriminelle Weise lindern will, hält Kubiciel aber für falsch. Er glaubt, dass bei einem Teil der Älteren die Fähigkeit abnehme, sich normgemäß zu verhalten. «Die Menschen werden egoistischer, nehmen weniger Rücksicht auf ihr soziales Nahfeld und Gemeinwohlbelange und neigen dann dazu, Straftaten zu begehen, die sie vielleicht mit 40 bis 50 nicht begangen haben.»

Die Staatsanwaltschaften würden bei Verdächtigen im fortgeschrittenen Alter häufig Ermittlungsverfahren einstellen, vor allem bei Ersttätern. Wenn es doch zum Prozess und einer Verurteilung komme, sei die Bestrafung in vielen Fällen ein Problem.

Anders als bei Jugendlichen hätten die Gerichte keine Möglichkeit, alternative Strafen zu verhängen. Eine gemeinnützige Arbeit als Erziehungsmaßnahme komme nicht in Frage. «Ältere Menschen kann man nicht erziehen», sagt Kubiciel. Geldstrafen könnten sie oft nicht bezahlen, eine Inhaftierung sei wegen Altersgebrechen schwierig.

Immerhin sei der Strafvollzug in Deutschland nicht schlecht aufgestellt, findet der Experte für demografischen Wandel. Die meisten Bundesländer hätten altersgerechte Gefängnisse oder Abteilungen. So sind in Hamburg die Justizvollzugsanstalten Fuhlsbüttel («Santa Fu») und Billwerder sowie der offene Vollzug in Glasmoor (Norderstedt) auf Rollstuhlfahrer eingestellt. Baden-Württemberg betreibt sogar ein spezielles Gefängnis für über 62-Jährige in Singen.

Nicht immer sei das die beste Lösung für die Älteren, findet der Kriminologe Bernd-Dieter Meier von der Universität Hannover. Der Betrieb einer solchen Haftanstalt sei zwar einfacher, weil der Sicherheitsaufwand geringer sei. Doch wenn Gefangene im Rentenalter in großer Entfernung vom Heimatort untergebracht würden, sei es schwieriger, Kontakt zu Angehörigen zu halten.

Die Zahl der älteren Gefangenen steigt in Deutschland. 2015 waren nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 2049 über 60-Jährige inhaftiert. Zehn Jahre zuvor waren es erst 1767, was einen Anstieg von 16 Prozent bedeutet. Die Justiz müsse sich mehr auf diesen Wandel einstellen, fordert der Hildesheimer Psychologe Werner Greve. Auch Kubiciel kritisiert die verbreitete «Strategie des muddling through» (Durchwursteln).

Das Justizpersonal sei nicht ausreichend vorbereitet. In der Sozialarbeit seien neue Konzepte zur Resozialisierung eines hochaltrigen Strafgefangenen erforderlich. «Der Bewährungshelfer muss nicht darauf achten, dass der nicht schon wieder eine Tanke überfällt, sondern daran arbeiten, dass es eine Lebensperspektive gibt, für die es sich lohnt zu leben», sagt Greve.

Rückfällig werden auch ältere Straftäter, auch wenn nach Angaben von Görgen nur zu 15 Prozent. Zum Vergleich: Bei Jugendlichen beträgt die Rückfallquote 40 Prozent. Klar ist für die Experten, dass es keine feste Altersgrenze für die Haft- und Verhandlungsfähigkeit geben wird.

Dieser Artikel ist erschienen bei gea.de. (Alle Textrechte hat der genannte Inhaltsanbieter und die dpa)

(Bildquelle und alle Rechte des Titelbildes sowie des Artikelbildes: CC0 Public Domain)

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