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So reagiert die JVA Bielefeld auf aggressive Häftlinge

Mit Kot, Urin und Blut beschmieren inhaftierte Nordafrikaner ihre Zellen in Nordrhein-Westfalen. Das Land reagiert mit Integrationsbeauftragten für die Gefängnisse. Eine von ihnen ist Ikram Chemlal. Sie vermittelt seit Oktober in Bielefeld zwischen den Kulturen. (Von Sarah Engel)

Der schwere Schlüsselbund ist kein Klischee. Jede Tür am Ende eines Ganges oder einer Treppe ist verschlossen. Es klackert, wenn Uwe Nelle-Cornelsen seinen silberfarbenen Bund herausholt, um eine Tür zu öffnen. Kaum ist er hindurchgegangen, schließt er sie mit den gleichen Hangriffen wieder zu. Wie oft er in seinem Leben die schweren Schlüssel bewegt hat, wird er kaum sagen können. Seit 27 Jahren arbeitet der Jurist im Strafvollzug, seit 2015 ist der 53-Jährige der Chef der JVA Bielefeld-Brackwede. Heute kommt ihm beim Öffnen der nächsten Tür eine Kollegin zuvor. Energisch zückt Ikram Chemlal ihre Schlüssel. Vor drei Monaten startete ihr Job hinter Gittern. In die 31-Jährige werden vom Land Nordrhein-Westfalen große Hoffnung gesetzt: Als Integrationsbeauftragte soll sie zwischen den Kulturen vermitteln, damit die Unruhe durch ausländische Häftlinge bald der Vergangenheit angehört.

Die Belegungszahlen der Bielefelder Justizvollzugsanstalt steigen wieder, obwohl sie in den Jahren zuvor stetig gesunken sind. Ende Dezember 2016 zählte das Gefängnis 532 Gefangene, davon haben 207, also knapp 38 Prozent, einen Migrationshintergrund. Vor allem Inhaftierte aus nordafrikanischen Staaten und dem Nahen Osten nehmen zu. Ihr Benehmen machte Nelle-Cornelsen und seine Angestellten zunächst ratlos.

Ekel-Attacken von Inhaftierten

Widerständig nennt der Leiter der JVA Bielefeld-Brackwede das Verhalten der Nordafrikaner und meint damit Inhaftierte, die ihre Zellenwänden mit Kot, Urin und Blut beschmieren oder seine Angestellten beleidigen, bedrohen und angreifen. Nicht nur in Bielefeld sorgten die Männer aus Algerien oder Marokko für Probleme. In 13 Anstalten soll es zu Ekel-Attacken von Inhaftierten aus den Maghreb-Staaten gekommen sein, berichtete das nordrhein-westfälische Justizministerium Ende November 2016. Auch in Niedersachsen kennen Behörden das Problem. „Inhaftierte aus Nordafrika zeichnen sich durch besonders wenig Respekt gegenüber Justizvollzugsbediensteten aus. Das äußert sich in Beleidigungen oder vor die Füße spucken“, sagte Uwe Oelkers, Chef des Verbandes Niedersächsischer Strafvollzugsbediensteter bereits im Sommer 2016 im Gespräch mit unserer Redaktion.

Mit den Widerständen in Bielefeld nahm auch die Verlegung der Gefangenen in spezielle Zellen zu. „Wir hatten 2016 einige Tage, in denen unsere besonders gesicherten Hafträume voll belegt waren“, sagt Nelle-Cornelsen. „Viel hätte an diesen Tagen nicht passieren dürfen.“ Muss ein Häftling in diese Zelle gebracht werden, ertönt ein Alarm. Alle anderen Inhaftierten werden eingeschlossen, geschulte Mitarbeiter müssen in Körperschutzanzügen den Häftling zu seiner Zelle auf Zeit bringen. Ein Einsatz, der den alltäglichen Betrieb stört und für Unruhe bei den Mithäftlingen sorgt.

Nur eine Matratze und ein Loch für die Notdurft der Gefangenen befinden sich in den weißen, videoüberwachten Räumen. Die rechteckige Zelle dürfen Inhaftierte nur mit einer Kleidung aus Papier betreten. Doch selbst wenn sie in diesen Räumen untergebracht sind, endet für manche der Widerstand nicht. Einige Gefangene randalieren weiter, beschmieren die Wände mit ihren Exkrementen. Trotz vielfachen Überstreichens sind die Spuren noch zu erkennen. „Die Tatortreiniger konnten diese Verschmutzungen nur sehr schwer säubern“, sagt Nelle-Cornelsen.

Süchtige Häftlinge

Im Jahr 2014 wurden 30 Gefangene an 121 Tagen in besonders gesicherten Hafträumen untergebracht. Zwei Jahre später hat sich die Zahl dieser Tage in der JVA Bielefeld-Brackwede fast vervierfacht. 73 Gefangene saßen an 474 Tagen hier ein. Ein Grund für den anhaltenden Widerstand der nordafrikanischen Inhaftierten ist auch die Sucht nach Rivotril. Das Anti-Epileptikum putscht auf, macht stark abhängig und führt beim Entzug zu psychotischem Verhalten. Die Möglichkeit des Konsums sei in Nordafrika ein Leichtes und das Medikament sei ähnlich wie Aspirin in Deutschland einfach zu erstehen. Zudem glauben viele Inhaftierte, mit ihrem Verhalten die Anstaltsleitung erpressen zu können. In afrikanischen Staaten und Frankreich sollen Häftlinge mit widerständigem Verhalten schon Druck auf die Behörden erzeugt und so Hafterleichterungen oder gar eine Entlassung bewirkt haben. Ein Gerücht, das auch in deutschen Gefängnissen die Runde macht, und so den wiederkehrenden Widerstand der Nordafrikaner erklären könnte.

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Doch erpressen lässt sich Uwe Nelle-Cornelsen nicht. Seine Angestellten und er versuchen mit Konsequenzen und Gesprächen, Lösungen zu finden. Auch das Land Nordrhein-Westfalen hat auf die anhaltenden Probleme in seinen Gefängnissen reagiert. Seit Oktober soll Ikram Chemlal als Integrationsbeauftragte in Bielefeld-Brackwede zwischen den Kulturen vermitteln. Die Sozialarbeiterin mit marokkanischen Wurzeln arbeitete zuvor in der Jugendhilfe. Berührungsängste hat die 31-Jährige aus Gütersloh nicht.

Einige hätten Nelle-Cornelsen bereits gefragt, warum er eine Frau als Integrationsbeauftragte einstelle, erzählt der JVA-Leiter. Schließlich sei der mangelnde Respekt vor Frauen aus den arabischen Ländern doch bekannt. Für den Gefängnischef ist Chemlal jedoch die perfekte Besetzung. „Unsere Häftlinge haben feine Antennen“, sagt der 53-Jährige. „Vor ihrem kulturellen Hintergrund ist es eine heilsame Erfahrung, wenn sie merken, dass Frauen hier Regeln mitbestimmen und als Autorität akzeptiert werden müssen.“ Darüber hinaus soll Ikram Chemlal Konzepte und Angebote für die neuen Häftlinge entwickeln und die Sprachbarriere mit ihren Kenntnissen in Arabisch abbauen.

Gemeinsame Sprache als Brücke

„Man braucht zwei Jahre, um den Vollzug zu verstehen“, sagt Uwe Nelle-Cornelsen zu neuen Mitarbeitern. Chemlal hatte ihr erstes Erfolgserlebnis nach wenigen Wochen. Ein junger Marokkaner rebellierte, an Gespräche war nicht zu denken. Die 31-Jährige ging erneut auf ihn zu. Als sie den Mann auf Berberisch ansprach, war das Eis gebrochen. „Er freute sich so sehr, dass ich seine Muttersprache sprach. Über diese Gemeinsamkeit konnte ich eine Verbindung zu ihm herstellen“, erzählt Chemlal. Die Probleme nahmen ab, heute verhält sich der Häftling ruhiger.

Radikalisierung nimmt zu

Die JVA Bielefeld-Brackwede spürt auch die zunehmende Radikalisierung. Eine Handvoll IS-Rückkehrer ist in dem Gefängnis getrennt voneinander untergebracht. „Manche unserer Häftlinge erzählen uns offen, wenn sie von IS-Rückkehrern angesprochen werden“, sagt Nelle-Cornelsen. Mit Gesprächen, Bildungs- und Freizeitangeboten möchte die JVA einer Radikalisierung entgegenwirken. So sollen im neuen Jahr ein Deutschlehrer eingestellt werden und Räumlichkeiten für Bildung und Integration entstehen. Die echten Probleme „draußen“ können die Angestellten aber nicht lösen. „Wir tragen gerne zur Integration bei, aber das Gefängnis sollte nicht der Reparaturbetrieb der Gesellschaft sein“, so Nelle-Cornelsen.
Entspanntere Stimmung in der JVA

Ende 2016 ist es ein wenig ruhiger in Bielefeld geworden. Im Dezember wurde eine Reihe von Häftlingen entlassen, im Gefängnis soll die Stimmung spürbar entspannter sein. Für Ikram Chemlal hat die Arbeit gerade erst angefangen. Nach drei Monaten ist sie von der Größe der Anlage immer noch beeindruckt. „Das Gelände ist wie eine eigene kleine Stadt“, sagt sie beim Rundgang durch die JVA, den schweren Schlüsselbund in der Hand. Eine eigene kleine Stadt mit ihren eigenen Problemen.

Dieser Artikel ist erschienen bei noz.de. (Alle Textrechte hat der genannte Inhaltsanbieter)

(Bildquelle und alle Rechte des Titelbildes sowie des Artikelbildes: CC0 Public Domain )

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